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Weinrallye #81 – Sottobosco Rosso del Ticino 2011

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Gerald

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Weinrallye #81 – Sottobosco Rosso del Ticino 2011

BeitragFr 26. Dez 2014, 08:19

Die letzte Weinrallye des Jahres (ja, es ist bereits die stolze Nummer 81!) steht unter dem Motto „Wir schenken uns reinen Wein ein“. Nein, es geht aber nicht um Naturwein oder ähnliche Produkte, sondern um die Fortführung des beliebten Weihnachtsspiels namens „Wichteln“. Damit ist gemeint, dass die Teilnehmer sich untereinander beschenken, aber nicht einfach gegenseitig, sondern in einer vorgegebenen Reihenfolge – ausgelost oder (wie hier) nach dem Zeitpunkt der Anmeldung.

wr81logo.jpg

Anders als beim „klassischen“ Wichteln ist aber natürlich nur Wein als Geschenk zugelassen, und als besondere Erschwernis schreibt sowohl der Empfänger als auch der Spender etwas über den jeweiligen Wein.

Nun, Weingeschenke haben – zumindest bei uns in Ostösterreich – einen eher zweifelhaften Ruf, auch wenn unsere Region ein traditionelles Weinbaugebiet ist, in dem seit vielen Jahrhunderten Wein produziert wird. Eine Flasche Wein für den Herr oder ein Blumenstrauß (oder eine Bonbonniere) für die Dame gilt als das Paradebeispiel für die Einfallslosigkeit des Schenkenden. Natürlich stammt der Wein vom Weinbauern des Vertrauens (bei dessen Großvater auch schon der Großvater des Vertrauenden eingekauft hat), über die Qualität des Inhalts wurde nicht immer ausführlich nachgedacht.

Also höchste Zeit, die geschenkte Flasche Wein aus diesem bedauernswürdigen Image herauszuholen – der Dank dafür gebührt natürlich unserer Weinrallye #18 und vor allem der wackeren Organisatorin Susanne.

Aber jetzt bitte endlich zur Sache …

Mir wurde als „Wichtelpate“ (ich hoffe, der terminus technicus ist korrekt) Werner alias slowcook aus dem schönen Kanton Aargau in der Schweiz zugeteilt. Dass das Paket – bei dessen Zustellung ich wie gewohnt gerade nicht anwesend war - eine Flasche Schweizer Wein enthalten würde, war mir rein intuitiv schon klar, denn Schweizer Weine sind für uns im Nachbarland Österreich nahezu unbekannt, quasi terra incognita. Warum eigentlich?

Sicherlich, als Nicht-EU-Mitglied ist der Versand nach und aus der Schweiz sicherlich schwieriger als zwischen EU-Mitgliedsstaaten. Aber Weine aus den USA sind bei uns ja auch erhältlich, und dort ist alles meines Wissens noch viel komplizierter. Zollrechtliche Vorschriften können also nicht der Hauptgrund sein.

Dann wird oft erwähnt, dass die Weinproduktion in der Schweiz relativ gering ist und daher fast alles schon vor Ort getrunken wird. Klingt schon plausibler, auch wenn man das höhere Lohnniveau in unserem reichen Nachbarland bedenkt, das die Produktion einfach teurer als in anderen Ländern Europas macht.

Und vielleicht spielt auch noch das Fehlen des „Urlaubsbonus“ mit eine Rolle, also dass man Weine im Urlaub vor Ort genießt und das Urlaubsgefühl später zu Hause ganz einfach durch Öffnen einer Flasche wieder herbeirufen kann. Bei italienischen und spanischen Weinen hat dieser Faktor sicherlich einen nicht unwesentlichen Anteil am Export.

Die Schweiz als Urlaubsland ist für Österreicher vielleicht aber nicht ganz so attraktiv, woran vor allem das deutlich höhere Preisniveau verantwortlich sein dürfte. Ich habe einmal von Schweizern gehört, dass sie sehr gerne ihren Winterurlaub am Arlberg (Österreich) verbringen, „da dort alles so preisgünstig ist“ (Anmerkung: der Arlberg ist in Österreich die mit Abstand teuerste Urlaubsdestination …).

Dazu kommt noch, dass es alpine Landschaften, Seen etc. auch bei uns „zu Hause“ gibt. Gut, vielleicht sind die Gipfel nicht ganz so hoch (wir haben nicht einmal einen einzigen Viertausender), vielleicht sind die Tourismusorte – mit ein paar Ausnahmen – nicht ganz so mondän, aber dafür auch für Otto Normalösterreicher erschwinglich.

Und der Wein?

Ja, sorry für die Abschweifung, natürlich soll es hier ja vor allem um den erhaltenen Wein gehen.

Auf der Flasche steht (wer meinen Angaben nicht traut, darf alles gerne noch am Foto ablesen):

Sottobosco Rosso del Ticino 2011 von der Tenuta Agriloro, Arzo (südliches Tessin, unweit der italienischen Grenze).

sottobosco2011.jpg

Der Gründer des Weinguts, Meinrad Perler, stammt aus der deutschsprachigen Schweiz und hat zuerst – wie um das Schweizer Klischeebild zu erfüllen – eine Karriere im Bankenwesen begonnen. Als er eines Tages für seine Bank den Verkauf eines etwas vernachlässigten Weingutes im Tessin in die Wege leiten sollte, war ihm klar, dass er hier seine Zukunft gefunden hat. Er erwarb das Weingut selbst und baute es in jahrzehntelanger Arbeit zu einem der Schweizer Topbetriebe aus.

Der Wein ist eine vom Merlot dominierte Cuvée und enthält auch noch Cabernet Sauvignon, Gamaret und Carminoir (die beiden letzt genanten Rebsorten waren mir bislang unbekannt). Der Alkoholgehalt beträgt 13,5 Vol.%

Aber wie schmeckt er jetzt, der Sottobosco?

Im Glas zeigt sich ein schönes, tiefes Granatrot, der Wein fließt fast ein bisschen viskos aus der Flasche.

Zunächst fällt eine deutliche Holznote auf, die langsam an der Luft in den Hintergrund tritt. Nun dominiert eine dunkel anmutende, intensive Fruchtigkeit, die man am ehesten mit Brombeeren in Verbindung bringen kann. Dazu ätherische Noten und ein Ton, der an Holzkohlenstaub erinnert (als notorischer Pedant zögere ich dabei, diese Note als „mineralisch“ zu bezeichnen, da Holzkohle ja nun wirklich kein Mineral ist).

Am Gaumen zeigt sich der Wein körperreich und kleidet in wenigen Momenten den ganzen Gaumen mit einer Cremigkeit aus, die man sonst fast nur bei guter, aufwändig conchierter Milchschokolade – natürlich aus Schweizer Produktion – kennt. Die Säure ist eher zurückhaltend, die Tannine sind spürbar, aber recht dezent und sanft. Langer und schöner Abgang.

Ich habe die halb gefüllte Flasche mit einem Vacuvin-Stöpsel verschlossen (aber nicht evakuiert) und am nächsten Tag den Rest getrunken. Nun hat sich die Aromatik etwas verändert, es dominieren dunkle Kirschen, ätherische und balsamische Noten, im Hintergrund auch etwas tropische Blüten. Am Gaumen fast wie am Vortag.

An sich bin ich ja nicht der größte Liebhaber von Merlot, aber dieser Wein hätte durchaus das Zeug, diese Einstellung zu verändern. Herzlichen Dank an Werner für den tollen Wein und natürlich auch die Gelegenheit, meinen vinophilen Horizont ein bisschen in Richtung unseres unbekannten Nachbarlandes zu vertiefen.

Szenenwechsel …

Natürlich soll man auch noch ein paar Worte über den Wein verlieren, den man selbst verschickt hat.

Mein „Wichtelkind“ war Marco alias maha, ebenfalls in der schönen Schweiz beheimatet. Ich habe ihm eine Flasche

Blaufränkisch Dürrau 2008 vom Weingut Lehrner, Horitschon (Mittelburgenland)

zugesandt. Das Mittelburgenland wird oft auch als „Blaufränkischland“ bezeichnet, hier ist der Rotweinanteil – für österreichische Verhältnisse – sehr hoch, die vorherrschende Rebsorte ist natürlich der Blaufränkisch.

Der Blaufränkisch gilt als autochthone österreichische Rebsorte, es gibt aber auch relevante Bestände in Ungarn, Deutschland (hier teilweise als Lemberger bezeichnet) und weiteren Ländern. In meiner Jugend waren die meisten Vertreter der Rebsorte eher „rustikal“ produziert, österreichischer Rotwein hatte ohnehin eher gegenüber den damals schon beeindruckenden Weißweinen, z.B. aus der Wachau, einen vergleichsweise schwierigen Stand. Er wurde eben produziert, weil die Kunden „auch etwas Rotes wollen“, aber Liebhaber guter Rotweine hielten sich damals doch eher an Weine aus Frankreich und vielleicht auch Italien.

Doch dann kam als Meilenstein der Blaufränkisch Mariental 1986 von Ernst Triebaumer – der wohl erste österreichische Rotwein, der in der internationalen Liga mitspielen konnte. Die anderen Winzer wollten E.T. natürlich nicht alleine das Feld überlassen und die einsetzenden Qualitätsverbesserungen entwickelten eine nicht mehr aufzuhaltende Eigendynamik.

Anfangs wurde der Blaufränkisch eher „international“ ausgebaut, mit maximaler Reife und Konzentration, mit kräftigen Holznoten und oft auch als Cuvée mit internationalen Sorten wie Cabernet Sauvignon und Merlot.

Doch ungefähr seit Anfang des neuen Jahrtausends hat sich das Blatt gewendet, viele Winzer versuchen, die Eigenständigkeit der Rebsorte zu betonen, bauen den Blaufränkisch sortenrein aus, reduzieren den Holzeinsatz und versuchen, die speziellen Eigenschaften der Rebsorte herauszuarbeiten. Das sind unter anderen die eher kräftige Säure und eine aromatische, vielschichtige Frische, wie man sie bei internationalen Sorten selten findet. Manche Weingüter treiben diesen Stil auf die Spitze und produzieren Weine, die eindeutig polarisieren. Weine, die manche Weinfreunde zu Begeisterungsstürmen hinreißen, während andere sie hingegen als „dünne und saure Weinchen“ in Grund und Boden verdammen.

Das Weingut Lehrner in Horitschon ist seit vielen Jahren einer meiner Favoriten für Blaufränkisch. International ist das Weingut möglicherweise nicht ganz so bekannt wie manche seiner Nachbarn und Kollegen. Vielleicht einfach deshalb, da sein Stil nie besonders exponiert war, weder in Richtung „internationaler Powerwein“, noch in Richtung der säurereichen Vertreter des „neuen Blaufränkisch“.

Mir gefällt an seinen Blaufränkisch – besonders der Lage „Dürrau“ (der vielleicht besten Lage des Mittelburgenlandes) – vor allem die Harmonie und Eleganz im Gesamtbild. Ich habe auch deshalb diesen Wein ausgewählt, da ich hoffe, dass er auch bei Weinfreunden Anklang finden wird, die mit der Rebsorte noch nicht so viel Kontakt gehabt haben.
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sammlerfreak

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Re: Weinrallye #81 – Sottobosco Rosso del Ticino 2011

BeitragFr 26. Dez 2014, 11:17

Es freut mich, dass dieses Weinrallye für einmal mit einem guten Schweizertropfen - dem Stiefkind in der Weinwelt - eröffnet wurde und dies erst noch mit einer treffsicheren Analyse. :D
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slowcook

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Re: Weinrallye #81 – Sottobosco Rosso del Ticino 2011

BeitragSa 27. Dez 2014, 12:39

Hallo Gerald

Vielen Dank für diesen ausführlichen und für mich als Wichtelpate (oder -götti wie es bei uns heisst) natürlich besonders interessanten Beitrag. Der "Holzkohlenstaub-Ton" ist in Tessiner Merlots nach wie vor öfters anzutreffen und hebt diese dann von vielen italienischen Brüdern ab, für mich im positiven Sinne. Als Weinmacher auf Tenimento dell'Ör würde ich den Neuholzeinsatz wohl noch etwas zurückfahren.

Um den Kreis noch zu schliessen: Frau Lehrner hat mir gemeldet, sie habe meine bestellten Dürrau 2011, Steineiche 2012, Hochäcker 2012 und Claus per Spedition verschickt; die werden wohl bald in meinem Keller einziehen :D .

Gruss
Werner

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