Aktuelle Zeit: Fr 6. Dez 2019, 15:03


Libanon

  • Autor
  • Nachricht
Offline

Georg R.

  • Beiträge: 277
  • Registriert: Mi 26. Okt 2016, 19:59
  • Wohnort: Hochrhein

Re: Libanon

BeitragSo 24. Nov 2019, 21:51

Das ist mal ne Fleissarbeit, Respekt!

Gruss
Georg
Offline

bordeauxlover

  • Beiträge: 313
  • Registriert: Mi 23. Jan 2013, 19:31
  • Wohnort: Bonn

Re: Libanon

BeitragSo 24. Nov 2019, 22:00

Danke auch von mir für den richtig tollen, informativen Bericht über eine - zumindest aus mitteleuropäischer Sicht - etwas ausgefallenere Weinbauregion!

Schöne Grüße
Armin
Armin
Offline
Benutzeravatar

austria_traveller

  • Beiträge: 2837
  • Bilder: 6
  • Registriert: Mo 6. Dez 2010, 06:52
  • Wohnort: Wien

Re: Libanon

BeitragDi 26. Nov 2019, 16:41

Super Reisebericht !
Vielen Dank
Beste Grüße
Gerhard aus Wien
Offline
Benutzeravatar

Jürgen

  • Beiträge: 1712
  • Bilder: 6
  • Registriert: Fr 6. Aug 2010, 10:49
  • Wohnort: Pforzheim
  • Bewertungssystem: Auf Benutzername klicken

Re: Libanon

BeitragDi 26. Nov 2019, 17:31

Auch von mir vielen Dank für deinen seht ausführlichen Bericht. Ich hatte übrigens am letzten Freitag eine Chateau Musar Probe organisiert. Dazu passt dein Bericht natürlich super :D
Bild
Offline

stollinger

  • Beiträge: 444
  • Bilder: 0
  • Registriert: Sa 10. Dez 2016, 09:22

Re: Libanon

BeitragSa 30. Nov 2019, 13:01

Es freut mich zu hören, dass meine unter Umständen langen Posts (die ich gerne auch für mich schreibe, um meine Eindrücke zu sortieren) tatsächlich gelesen werden, danke!

... es ging dann weiter zur Iris Domaine in Btalloun, unweit vom Château Belle Vue.

Iris Domaine.JPG

Sarmad Salibi hat 2003 begonnen Weinreben in seiner Heimat zu kultivieren und die Iris Domaine gegründet, 5ha in 1000 - 1200 m höhe. Vorher hat Sarmad Salibi in den USA studiert (irgendwas mit Wirtschaft) und gelebt. Es stehen auch Reben von Tafeltrauben hier.

Iris Domaine 2.JPG

Ich habe das Bild gewählt, weil man hier ganz gut sehen kann, dass der Boden hier, im Vergleich zu Château Belle Vue, lehmhaltiger ist und besser das Wasser speichern kann. Das führt nach Angaben von Sarmad Salibi dazu, dass seine Reben im Sommer weniger Trockenstress erleiden. Wie man sehen kann, hatte es mittlerweile angefangen in Strömen zu regnen.

Iris Domaine 3.JPG
Weinreben der Domaine

Die Domaine macht nicht jedes Jahr einen eigenen Wein, in manchen Jahren werden die Trauben verkauft. Wir konnten zwei Jahrgänge seiner roten Cuvée verkosten. Die Weine werden in französischer Eiche (unterschiedliche Toasting-Grade, aber mindestens medium) ausgebaut.

Iris Domaine - red - 2011 (Merlot, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Syrah):

Bild

Der Wein hat mir gut gefallen. Die Domaine verfügt über keinen eigenen Keller und mietet sich zur Weinbereitung in Keller anderer Weingüter ein. Das hat zur Folge, dass die Trauben erst geerntet und eingebracht werden können, wenn der Vermieter mit seiner Weinbereitung durch ist. Im Jahrgang 2011 wurde der Wein bei Château Belle Vue gemacht, auch vom Winemaker (weiß leider nicht wer das ist und ob m/w) vom Château Belle Vue.

Ich finde schon, dass man den Stil vom Château Belle Vue hier wieder findet, gerade im Vergleich zum vorhergegangenen Genuss vom selben Jahrgang. Eine frische, elegante Säure und eine sehr klare Frucht. Man merkt aber auch, dass der Wein insgesamt eine reifere Frucht hat, voller und extraktreicher ist. Die Trauben haben zwei Wochen länger am Rebstock gehangen und der schwere Boden unterstützt dieses Stilelement zusätzlich.

Als zweites haben wir die rote Cuvée aus dem Jahr 2014 probiert. Hier hat sich die Rebsortenzusammensetzung geändert (Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Petit Verdot). Das liegt daran, dass Sarmad Salimi einen Teil der Trauben verkauft hat und zusätzlich Petit Verdot neu gepflanzt hatte. Die Überlegung ist, dass der Petit Verdot dem Wein mehr Frische geben soll, deshalb wohl auch ein verhältnismäßig (im Vergleich zu Weinen aus Bordeaux) hoher Anteil in der Cuvée.

Iris Domaine - red - 2014:

Bild

Zusätzlich wurde dieser Jahrgang nicht beim Château Belle Vue ausgebaut, sondern in einem anderen Weingut, auch von einem anderen Winemaker. Ich habe dummerweise nicht gefragt wo, in der Region gibt es meines Wissens aber nur noch das Clos Cana.

Man merkt dem Wein den Stilwechsel an. Insgesamt noch voller, weicher und reifer. Dafür weniger Finesse als der 2011er. Ich denke, was man bevorzugt, ist den persönlichen Vorlieben geschuldet. Bei mir ist es der 2011.

Die Verkostung und das Gespräch mit Sarmad haben viel Spass gemacht, bei strömenden Regen saßen wir ohne Strom bei ihm in der Domaine.

Iris Domaine 4.JPG
Sarmad Salibi

Die Kapazität der Stromkraftwerke ist im Libanon nicht ausreichend, deshalb wird in den meisten Teilen des Landes der Strom für ca. sechs Stunden am Tag ausgeschaltet. So kam es, dass zum Ende des Besuchs noch ein Fassmuster von einem reinsortigen Petit Verdot aus 2019 im Schein unserer Handy-Taschenlampen im Keller (also ein Verschlag, in dem die Weine lagern und ein kleiner Gärtank steht) verkosten konnten. Die anderen Trauben aus 2019 sind verkauft worden.

WP_20191115_16_56_17_Rich.jpg

Iris Domaine - Petit Verdot 2019 - Fassmuster:

Rot-violett, kräftig gefärbt. Duft von Veilchen und Kirsche. Evtl. ganz leicht Brett.

Im Mund eine frische, fruchtige Säure. Kräftigerer Körper und Extrakt mit Süßeeindruck. Sehr frische und intensive Kirschfrucht, etwas Traubenzucker. Voll und weich, gute Länge.

Sarmad Salibi sagte, dass der sehr spät reifende Petit Verdot im Libanon reif wird, was im Bordeaux nicht immer der Fall sei. Ich weiß nicht, ob das so stimmt. Reif war der Verkostete jedenfalls.

Die fehlende Stromkapazität im Libanon ist leider nicht so romantisch, wie das hier im ersten Moment anklingt. Das größte Kraftwerk steht in der Nähe von Beirut und wird mit Schweröl betrieben. Auf dem Rückweg von unserer nächsten Wein-Station habe ich ein Bild machen können, die beiden Schlote in der Bildmitte, im Hintergrund (unter der Dunstglocke) Beirut.

WP_20191116_16_11_07_Rich.jpg

Was das für Konsequenzen für die Umwelt und die Menschen hat, kann man sich denken und etwas mehr kann man in diesem kurzen Arte-Bericht sehen [Link].

Grüße, Josef
Offline

stollinger

  • Beiträge: 444
  • Bilder: 0
  • Registriert: Sa 10. Dez 2016, 09:22

Re: Libanon

BeitragSo 1. Dez 2019, 17:06

Am nächsten Tag ging es weiter, die Küstenstraße von Beirut in Richtung Norden, nach Batroun.

Als erstes haben wir das Weingut Batroun Mountains - Organic Wines besucht. An der angegebenen Adresse steht nur eine Villa im Rohbau, wir konnten das Weingut erst nicht finden. Nachdem wir eine Weile in der Gegend rumgekurvt sind, haben wir den Rohbau etwas genauer inspiziert und haben auf der Rückseite den Zugang zum Keller gefunden. Da befindet sich das Weingut und Assaad Hark, der Gründer, war anzutreffen.

Assaad Hark hat Önologie in Californien studiert und ist dann in den Libanon zurückgekehrt, um sein Weingut zu gründen. Die ersten Reben wurden 2004 gepflanzt, sechs Weingärten an unterschiedlichen Standorten bzw. Dörfern (Andoula, Basbina, Kfifane, Edde, Jrane, Kfour-Arbi) im Batroun District, der sich von der Küste östlich bis zu den Gipfeln des Mount Lebanon ersttreckt. Entsprechend liegen die Weingärten in den Bergen hinter dem Weingut in einer Höhe von 400 - 1500 m.
Die oben erwähnte Villa wurde als Heim für seine Familie (er hat sechs Kinder) gebaut. Der Bau ging langsam voran, die Prioritäten haben sich geändert. Seit neun Jahren fehlt das Geld zum Weiterbau, die Kinder sind zum Studieren in den USA, dass muss bezahlt werden. Eine seiner Töchter studiert ebenfalls Önologie in den USA und soll seine Nachfolge antreten.

Am Rohbau ist ein schöner Aufschluss vom Kalksteinboden in der Region:

Batroun Mountains.JPG

Der Kalkstein hier, und im Bereich der Reben, stammt aus der Kreidezeit. Insgesamt ist die Region sehr felsig, die Bodenauflage ziemlich karg. Das Klima ist mediterran.

In seinem Keller konnten wir einige Weine verkosten. Angefangen mit zwei Weißweinen aus dem Jahrgang 2019 (die Trauben im Libanon treiben früh aus und reifen früher als in Europa). Die Preise habe ich nicht im Kopf, war aber unter 10€. Trotzdem zwei nicht sehr erbauliche Weine, richten sich nicht an Weinfreaks.

Aus sieben unterschiedlichen Rebsorten, darunter auch drei Autochthone (Chardonnay, Sauvignon Blanc, Riesling, Muscat, Merwah, Obeidi, Youssfi).

Seven - Batroun Mountains - 2019:

Bild

Rebsortencharakter kann ich da nicht wirklich erkennen, schmeckt halt fruchtig-dropsig.

Chardonnay- Batroun Mountains - 2019:

Bild

Noch extrem jung, vielleicht auch deshalb so fruchtig-dropsig. Aber was Gutes wird das glaube ich nicht mehr.

Recht interessant, und durchaus gut, fand ich den Riesling. Die Trauben wachsen auf 1500 Meter Höhe in der Nähe des Dorfs Kfour. Die Bilder von dem Weingarten sind recht schön, kann man sich auf der Homepage des Weinguts ansehen.

Riesling - Batroun Mountains - 2017:

Bild

Ich finde den Wein für einen Riesling recht typisch. Auf dem Niveau von einem guten Ortswein.

Das Weingut macht ca. 60.000 Flaschen im Jahr, hier ist ein Teil des Kellers zu sehen:

WP_20191116_12_16_58_Rich.jpg

Es gibt auch Weine, die im Barrique ausgebaut werden. Dahinter die Kalksteinschichten.

WP_20191116_12_17_31_Rich.jpg

Im Libanon gibt es keine Fassbinderei. Alle Fässer müssen importiert werden. Ich vermute, dass ganze übrige Equipment zur Weinbereitung (also Gärtanks, Pumpen, Schläuche, Flaschen, Korken,...) ebenfalls.

Allgemein gibt es im Libanon wenig industrielles und produzierendes Gewerbe, die Wirtschaft ist stark in Handel und Dienstleistung, ein Großteil der industriellen Güter muss importiert werden. Daraus ergibt sich ein ausgeprägter Importüberschuss und ein damit verbundenes Leistungsdefizit, was neben der massiven Staatsverschuldung eine der großen wirtschaftlichen Herausforderungen des Libanons ist.

Die beiden probierten Rotweine wurden im Barrique ausgebaut und haben mir recht gut gefallen.

Prestige rouge - Batroun Mountains - 2012:

Bild

In Andoula-Village werden die Trauben für den Cabernet Sauvignon auf 950 Metern angebaut.

Cabernet Sauvignon - Batroun Mountains - 2013:

Bild

Die Weine sind tendenziell von Stil etwas internationaler, Neue-Welt geprägt. Meiner Meinung knapp auf dem Niveau eines Cru Bourgeoise. Die Frucht und Aromen recht reif, die Säure trotzdem noch mit guter Frische. Jetzt in einer schönen Reife, würde ich nicht mehr länger liegen lassen. Gerade für das allgemeine Preisniveau von Wein im Libanon recht günstig, im internationalen Vergleich ein ordentlich bis guter Preis.

Batroun Mountains nimmt für meine Wahrnehmung eine Nische des Weinbussines im Libanon ein. Das Weingut ist schon vom Winzerhandwerk geprägt, konkurriert aber mit den großen Weinkellereien, die sich mit Tasting-Räumen und Veranstaltungen, Weinseminaren, Gastrobetrieb mit Eventcharakter etc. als edel und hochwertig inszenieren und an wohlhabende Libanesen wenden. Der Konsum von Wein ist im Libanon nicht so kulturell verwurzelt wie z.B. in Frankreich oder auch in Deutschland, in den Weinbauregionen. Wein wird auch deshalb getrunken, um etwas darzustellen. Deshalb sind die Weine im Libanon oft sehr zugänglich, international, mainstream und implizieren mit einem hohen Preis Wertigkeit. Als nächstes haben wir IXSIR besucht, daran lässt sich das gerade beschriebene gut veranschaulichen.

Vom Weingut aus, habe ich noch ein Bild in Richtung Küste gemacht. In der Mitte sieht man das Werk von Lebanon Chemicals.

Batroun Mountains 2.JPG

Ich hoffe, dass das türkis gefärbte Wasser von dem Kalkwerk in der Nähe stammt und nicht vom direkt anliegenden Chemie-Werk. Allgemein wird vom Verzehr von Fisch von der Küste des Libanons abgeraten, Baden sollte man in den meisten Teilen der libanesischen Küste auch nicht.

Grüße, Josef
Vorherige

Zurück zu Naher Osten

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast

Impressum - Nutzungsbedingungen - Datenschutzrichtlinie - Das Team - Alle Cookies des Boards löschen