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Auf ein Glas ..... 1976 Mouton Rothschild

eingeschenkt von: susa – Plaudereien über Gott und die Welt und auch über Wein
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susa

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Auf ein Glas ..... 1976 Mouton Rothschild

BeitragDi 26. Aug 2014, 09:07

Baronin Philippine de Rothschild, Aufsichtsratsvorsitzende und Mehrheitseignerin des Unternehmens Baron Philippe de Rothschild, ist am 23. August 2014 im Alter von 80 Jahren gestorben. Mit ihr verliert die Weinwelt eine herausragende Persönlichkeit und eine der letzten wirklich großen Damen.

Das klingt alles sehr geschäftsmäßig, nüchtern und ausreichend betroffen, um ihrer Stellung gerecht zu werden. Und wird es doch nicht.

Philippines Leben ist eingerahmt zwischen der Bürde des Namens Rothschild, dem englischen Zweig der legendären Bankiersfamilie, den Wirren und Gräueln des 2. Weltkrieges und der Nazizeit, in der ihre Mutter im KZ Ravensbrück ermordet wurde, und der Kunst. Unter dem Künstlernamen Philippine Pascal spielte sie an der Comédie Française, ihr größter Erfolg übrigens die Mrs. Chasen, Harolds hysterische Mutter, in der Bühnenadaption von "Harold and Maude".

"Wäre der Name Rothschild mir wichtig gewesen, hätte ich niemals so gelebt, wie ich gelebt habe" wird sie zitiert. Natürlich waren ihr der Name und die damit verbundenen Verpflichtungen wichtig. 1988 starb ihr Vater Philippe und es war ihr selbstverständlich, in seine Fußstapfen zu treten und sich fortan ausschließlich um die Belange des Rothschildschen Weinimperiums zu kümmern, ihre letzte große und beste Rolle, die der "Madame La Baronne". Immer unter der Maxime, die ihr Vater ihr mit auf den Weg gegeben hat: "Was immer Du tust, sei besser darin als andere!". Mittelmäßigkeiten und Halbheiten sind in einem solchen Leben nicht vorgesehen.

Philippine war sicher nicht die große Erneuererin oder Visionärin, wie ihr Vater, aber sie verstand es geschickt, die Geschäfte zu konsolidieren und die Erfolgsgeschichte des Hauses fortzusetzen. Sie hinterlässt ihr Geschäft wohl geordnet und mit den besten Zukunftsaussichten, wird allgemein berichtet. Allerdings wird ihm nun der Glanz ihres unbeschreiblichen Talents zur Inszenierung fehlen, das Mouton strahlen ließ wie kaum ein anderes Gut. In diesem Sinne doch ein schweres Erbe, das ihr Sohn Philippe, bisher Vize im Unternehmen, nun antritt.

Der erste Mouton im Leben eines Wein- vor allem eines Bordeauxliebhabers ist immer etwas ganz Besonderes. Wer so tut, also tränke er halt irgendeinen teuren Wein, der hat weder Herz noch Verstand. Einen solchen Wein trinkt man nicht mal eben so zum Sonntagsbraten, noch nicht mal, wenn er aus einem eher nicht so gut geratenen Jahrgang ist. In seinem Genuss schwingt die ganze Geschichte des Hauses mit: die "Erfindung" der Schlossabfüllung, die Künstleretiketten, die Heraufstufung zum Ersten Gewächs.

In diesem Sinne wünsche ich dem Hause, dass der legendäre Spruch des alten Baron auch in Zukunft Bestand haben wird: "Mouton ne change!"

Mein erster Mouton war übrigens der 1976er und das ist jetzt auch schon mehr als 10 Jahre her. In diesem Jahr fand auch das legendäre Judgment of Paris statt, bei dem der 1970er Mouton hinter dem Stag's Leap auf Platz 2 der verkosteten Weine landete und bei dem das Abschneiden der amerikanischen Weine insgesamt einen bis heute nicht abebbenden Diskussionsbedarf erzeugte.

Wenn ich nüchtern an die Sache heran gehe, so könnte ich natürlich sagen, dass es schon ein ziemliches Glück war, dass der 1976er nicht an einer solchen Veranstaltung teilgenommen hat. Aus Gründen. Und doch ist das auf hohem Niveau geklagt. Zwar fehlte dem Weine die Konzentration und Tiefe, die einen wirklich großen Wein ausmachen, aber er war ohne Zweifel ein Mouton mit seiner Eleganz und der unwiderstehlichen Graphitnote. Eher leichter Körper (Nörgler würden sicher sagen, ein wenig dünn), insgesamt weich, Früchte und Beeren und etwas adstringierendes Tannin. Ziemlich langer Abgang.

So steht es in meinen Notizen. Seitdem habe ich eine Unzahl anderer auch großer Weine getrunken, darunter auch einige Moutons, die sicher allesamt besser waren. Aber mit dem ersten Mouton ist es wie mit der ersten Liebe, man vergisst sie nie.
Red wine with fish. Well, that should have told me something.
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Matthias Hilse

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Re: Auf ein Glas ..... 1976 Mouton Rothschild

BeitragDi 26. Aug 2014, 11:59

susa hat geschrieben:... Aber mit dem ersten Mouton ist es wie mit der ersten Liebe, man vergisst sie nie.

Auch wenn Bilder nur dann, wenn man schon viel über ihr Sujet weiss, mehr als 1000 Worte sagen, meine ich, zu diesem wunderschönen Nachruf würde ein solches (selbst "geschossenes") gut als visueller Epilog passen:
Bild
Denn falls es nach dem irdischen Sein eine Perspektive gäbe, auf die Dinge, die man hinterlassen hat, zu schauen, dann wäre es wohl mit dem Blick von oben und seinem Ausweis der Seinskontinuität (bei alljährlicher Etikettenfluktuation :D in diesem speziellen Fall)

Herzliche Grüße,
Matthias Hilse

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