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Auf ein Glas ..... 1994 Ch. Gasqui Cuvée Ester

eingeschenkt von: susa – Plaudereien über Gott und die Welt und auch über Wein
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susa

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Auf ein Glas ..... 1994 Ch. Gasqui Cuvée Ester

BeitragDi 8. Jul 2014, 08:34

Da soll man nicht trübsinnig werden. Vor dem Fenster regnet es Bindfäden und es hat auch nicht den Anschein, dass sich das in absehbarer Zeit ändert. Im Garten führt das schwülwarme Klima zu allerlei unschönen Effekten. Ich musste mich schon von meinem geliebten Spemann trennen, der leider seinen Kampf gegen den Mehltau verloren hat und drohte, die ganze botanische Nachbarschaft zu infizieren. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen und so langsam kann ich die Winzer verstehen, die irgendwann die Faxen dicke haben und Brennnesselsud, Schachtelhalmtee, Wermutjauche, Bienenwachs oder Sauermilch in die Tonne kloppen und heimlich die Nummer der örtlichen BASF- oder Bayer-Vertretung anrufen.

Die können ja nicht in einem Akt der Verzweiflung die wunderbare Rebe gegen Hortensien ersetzen. Hortensien sind nämlich, so habe ich den Eindruck, resistent gegen alles. Sie wachsen und blühen, hin und wieder ein kleiner Schnitt, mal eine Gabe Hornspäne et voilà – Blütenpracht. Und unter der Hortensie hat weder Rotklee noch Hornveilchen eine Chance. Das ist nämlich der zweite Windmühlkampf in meinem Garten: Reiße ein Büschel Rotklee raus und an mindestens drei Stellen kommt neuer. Die Hydra ist müder Pipifax dagegen. Hornveilchen sehen wenigstens im Frühjahr noch niedlich aus.

Selbst im Urlaub lässt mich das nicht los. Seit der Erfindung des weltumspannenden WLans schaue ich (früher im Internetcafé, heute auf dem Tablet) ständig auf den heimischen Wetterradar und überlege, was sich in meiner dreiwöchigen Abwesenheit so alles tun wird. Und es kommt meistens schlimmer. Nach dem Urlaub ist immer Grüne Hölle angesagt und bis man da wieder durch ist, steht der nächste Urlaub an. Ein ewiger Kreislauf.

A propos Urlaub. Da muss ich noch schnell (ha ha, ich und schnell) eine kleine Geschichte loswerden. Dass ich Château Gasqui besucht habe, das erste demeter zertifizierte Weingut der Provence (den Winzer hab ich auf der ProWein kennengelernt), habe ich inzwischen so oft erzählt, das muss ja wohl inzwischen auch der letzte Netzabstinenzler mitbekommen haben. Aber die spannendste Sache hab ich hier fürs Forum aufgespart.

Dazu gehört einerseits die Verkostung einzelner Fassinhalte, rebsortenrein, noch nicht ganz fertig und die Erstellung kleiner Cuvées im Messzylinder, wie wohl der 2014er am Ende schmecken könnte. Neu im Sortiment wird ein weißer Flagshipwein sein, eine Cuvée aus Viognier, Semillon, Rolle und Clairette, der noch sortenrein in Barriques vor sich hin reifte (insgesamt 4, es wird also nur eine seeeehr begrenzte Menge geben). Herr susa war von dem Barrique gereiften Viognier dermaßen begeistert, dass er Monsieur Miglio fragte, wozu man denn die anderen Rebsorten noch brauchen würde.

Zum Schluss des Besuches bekamen wir ein paar Probeflaschen und dann griff Miglio in einen Kartonstapel und drückte uns noch eine Flasche Wein in die Hand.

1994 Château Gasqui rouge Cuvée Ester
Château Gasqui, Provence AOC


"Erwarten Sie hier nicht zu viel" sagte er Augen zwinkernd. "Der ist um. Aber er hat eine besondere Geschichte und deswegen liebe ich diesen Wein. Und ich lade sie zu einem Experiment ein!"

Dazu die Vorgeschichte: Der Wein wurde gerade in die Fässer gefüllt, es war der erste Wein, für den er auf Gasqui alleine verantwortlich zeichnete, und gleichzeitig brachte seine Frau seine Tochter zu Welt, Ester. Und voller Vaterstolz beschriftete die Fässer nicht nur mit der Rebsorte sondern auch mit "Cuvée Ester". Und als Monate später der Wein gefüllt und etikettiert wurde, sah er ein wenig gerührt, dass sein Chef die Bezeichnung auch auf das Etikett übernommen hatte.

Wir sollten den Wein öffnen, probieren (uns dabei über nichts wundern, Provenceweine wären nicht unbedingt für eine Lebensdauer von 20 Jahren geeignet) und ihn dann zwei Tage lang offen stehen lassen. Dann sollten wir uns ein richtig feines Schokoladentörtchen kaufen und ein Glas dazu trinken.

Warum nicht? Endlich hatte ich mal wieder einen Grund, beim besten Pâtissier am Ort einzukaufen (dessen signature piece allerdings eher Zitronenmeringues sind). Ich entschied mich für eine Kreation aus Valrhôna-Ganache, Walnuss und Mocca mit einem Hauch Orange, wie mir der Maître erklärte.

Und nun zum Experiment: Der erste Schluck am ersten Tag direkt nach dem Öffnen ist schnell abgehakt, ein wenig staubig, unangenehme Säure, ganz hinten eine kleine Malznote. Normalerweise wäre jetzt der Moment, wo ich mir ein paar Rindsknochen und Wurzelgemüse besorgt hätte und mal wieder einen richtig ordentlichen Fond gekocht hätte. Dazu hätte der Wein noch gereicht.

Nach zwei Tagen also Törtchen und ein Glas Wein: Nase, nun ja, nicht viel, ein bisschen Balsamicoessig und dann im Mund: Die Säure war zwar noch recht präsent, aber dazu hatte sich eine interessante Sherrynote entwickelt, ein wenig Malz noch und ein Hauch Muskat. Es war, nun ja, interessant; im positiveren Sinne.

Und jetzt: Ein Bissen Schokoladentörtchen und danach ein Schluck Wein. Und jetzt, hervorgerufen durch die bittere Süße der Schokolade hatte man fast den Eindruck einen Port (allerdings von recht dünner Textur) zu trinken. In Verbindung mit einem Bissen Dessert entwickelte der Wein feine Nuancen, Nuss, Gewürz, Balsamico. Mit der Schokolade eine wunderbare Harmonie. Die fehlende Süße wurde von der Schokolade geliefert, es passte alles.

Das Törtchen war allerdings so mächtig, dass wir beschlossen, es nur zur Hälfte zu essen und das Experiment noch einmal zu wiederholen. Am nächsten Tag wieder der Kontrollschluck ohne Essen, keine Veränderung zum Vortag. Dann wieder die Kombination mit dem Törtchen, auch keine Veränderung zum Vortag, wieder die Entwicklung feiner Aromen.

Am nächsten Tag musste ein Riegel Milchschokolade herhalten, die brachte nicht ganz den gewünschten Effekt, die Schokoladensüße passte nicht so sehr, so dass wir uns anderen oenologischen Abenteuern zuwandten. Auffallend aber auch hier, dass der Wein auf dem Niveau der letzten zwei Tag unverändert blieb.

Eins hat mich dieses Experiment allerdings gelehrt: Es gibt keinen, aber auch wirklich keinen Wein, der nicht durch das passende Essen gewinnt (etwas was auch in der Vinocamp-Lehrweinprobe von Christina Fischer deutlich herausgearbeitet wurde) und – schreibe einen Wein niemals zu früh ab. Auch zunächst eher untrinkbar erscheinende Tropfen können sich noch - den richtigen Essensbegleiter vorausgesetzt -, wenn auch nicht zum edlen eleganten Schwan, so doch wenigstens zu einem netten kleinen Hahn entwickeln.
Red wine with fish. Well, that should have told me something.
James Bond in From Russia with Love

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